Aufi geht’s!

Bergsteigen auf der Hanauer Hütte – Ein Erfahrungsbericht von Judith Lechner

Bergsteigen. Was ist das eigentlich für ein merkwürdiges Wort und worin liegt der Unterschied zum Wandern?

Kurz zusammengefasst: Wandern ist meist gemütlich, auf ebenen Wegen, vielleicht ein bisschen Steigung, vielleicht auch nicht. Wandern kann man in verschiedenen Geländen. Auf grünen Wiesen, um einen See herum usw.

Bergsteigen hingegen, hat wie das Wort bereits deutlich macht, etwas mit Berg zu tun. Und mit Geröll. Und mit Fels. Es findet im alpinen Gelände satt. Es hat außerdem etwas mit dem Wort „steigen“ zu tun und „steigen“ tut man meist „ab“ oder „auf“.

Wandern kann anstrengend sein. Bergsteigen ist anstrengender.

Eigentlich mit der Intention endlich mal am Fels zu klettern (nach drei Jahren Training in der Halle), meldete ich mich mit vollem Enthusiasmus für einen Kurs namens „Bergsteigen an der Hanauer Hütte“ an. Es war ein heimlicher Traum von mir endlich einmal auf diese von unserem Verein versorgte und finanzierte Hanauer Hütte zu fahren, die ich bisher nur von Facebook kannte. Mehr als einmal hatte ich die tollen Posts unserer Vorstandsmitglieder bewundert. Eines Tages, ja eines Tages, sollte ich auch dort oben in den Lechtaler Alpen Österreichs umherwandern. Nein, herumsteigen! 

In meiner Zeit als passionierte Wandersfrau war ich im Rahmen diverser Tagestouren auf der ein oder anderen Hütte gewesen, aber in einem Bettenlager auf einer Hütte hatte ich noch nie übernachtet. Und ganz ehrlich, mir graute esein wenig davor mit fremden Menschen, eventuell sogar schnarchenden Männern, ein Matratzenlager teilen zu müssen. Pfui! 

Vor dem Wandern hingegen hatte ich eigentlich keine Angst. Wie naiv von mir…

Am frühen Morgen des 02. Septembers machten meine Kletter- und Wanderpartnerin uns auf den Weg Richtung Österreich. Bereits seit einigen Jahren bin ich in Österreich verliebt. Die Natur, die Berge, das Essen und auch die wirklich netten Österreicher*innen überzeugen mich eigentlich jedes Jahr auf ein Neues, wieder dorthin zu fahren und eben nicht in Bayern oder der Schweiz Bergurlaub zu machen. 

Die Fahrt verlief problemlos und da wir früh losfuhren, kamen wir auch vor Beginn des vereinbarten Zeitpunkts am Treffpunkt an. Der Aufstieg zur Hütte dauerte knapp 2 Stunden und ist mir wirklich nicht leichtgefallen, da ich durch die Serpentinenfahrt von leichter Übelkeit geplagt wurde. Der Weg an sich ist kein schwerer und wir konnten unsere schweren Rücksäcke glücklicherweise mit der Seilbahn vorschicken. 

Schon auf dem ersten Weg kam ich in den Genuss einer Wandertrainingstunde mit unserem Trainer Axel, der sich um die Schlusslichter (in diesem Fall ein Schlusslicht, ich) kümmerte und mir Tipps gab, wie ich meine Stöcke besser einsetzen kann, um meine Trittsicherheit zu verbessern. Leider musste ich schon an diesem Tag feststellen, dass meine Wanderschuhe zwar gute Wanderschuhe sind, aber vielleicht für hochalpines Gelände nicht ideal sind. Für ’s nächste Jahr steht definitiv der Kauf neuer Wanderschuhe auf dem Plan. 

Dank Axels Unterstützung und diverser kleinerer Schnaufpausen gelang mir der Aufstieg und ich konnte unterwegs bereits die Schönheit der Umgebung und der Natur genießen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber an den Bergen, den Bäumen, den Bächen und allem was diese Region noch so zu bieten hat, kann ich mich nicht sattsehen. Das satte Grün der Wälder, egal ob hellleuchtend oder dunkelschattig, entspannt die gestressten Stadtaugen sofort und beruhigt die Seele ungemein, auch wenn man das Gefühl hat, sich in den nächsten Bachlauf übergeben zu müssen (keine Sorge, das hätte ich den Lechtalern nicht antun wollen). Wasser trinken hilft.

Oben angekommen, ging das Staunen weiter. Man muss dazu sagen: Die Hanauer Hütte ist nicht einfach nur eine Hütte. Sie ist eigentlich eine Luxushütte, der Rolls Royce unter den Hütten. Es sei denn die Turbine fällt aus und man kann nach einem langen Klettertag nicht duschen, aber das ist eine andere Geschichte. Eine schöne Hütte, gutausgestattet, mit rustikalem Charme. 

Auf der Hütte angekommen, sammelten wir uns im Seminarraum der Hütte um den Ablauf des Programms für die nächsten Tage zu besprechen. Unsere Gruppe war bereits um zwei Personen reduziert worden, die leider krankheitsbedingt am Kurs nicht teilnehmen konnten. Der Kurs wurde von Uwe Brüggmann und Axel Weinel geleitet. Die Kursleitung Uwes war ein Grund für mich, warum ich mich angemeldet hatte. Ich kenne Uwe jetzt seit 2017, als ich meinen Top-Rope-Schein bei ihm in der Halle in Hanau machte und ich war schon damals von seiner Professionalität und seinen Kenntnissen beeindruckt. Über die Jahre hat er sich immer um uns (meine Kletterpartnerin und mich) gekümmert und uns immer gute Tipps gegeben. Ich hatte keinen Zweifel daran, dass der Kurs sehr gut und professionell organisiert sein würde und auch auf unsere individuellen Bedürfnisse Rücksicht genommen wird. Wir sollten nicht enttäuscht werden.

In einer illustren Runde von 5 plus 2 Trainern stiegen wir in den Kurs ein und alle durften ihre Wünsche und Erwartungen mitteilen: Am Fels klettern, Sicherungstechnik verbessern, Seil- und Knotenkunde, auf ungesicherten Gelände laufen usw.

Ein grober Plan wurde uns vorgestellt, natürlich unter Vorbehalt des Wetters.

Das Wetter. Was soll ich sagen? Wir hatten einfach unglaubliches Glück mit dem Wetter. Sonnig und trocken, einfach ideal.

Am Mittwoch haben wir eine kleine Tour direkt in der Umgebung der Hütte gemacht und uns diverse Felsen angeschaut, die wir eventuell beklettern können. Schon mal die Orte für den nächsten Tag ausgespäht. Am Abend trafen wir zusammen, um uns über alpine Gefahren zu informieren. 

Worauf muss man achten, wenn man in den Bergen unterwegs ist? Eine ganze Menge. Das Wetter, die Umgebung (welche Beschaffenheit haben die Felsen), die richtige Ausrüstung und ganz wichtig eine gesunde Selbsteinschätzung der eigenen körperlichen Fähigkeiten. Prinzipiell gilt es, sich nicht selbst zu übernehmen. Eine nicht unbeachtliche Zahl an Notfällen in den Bergen werden von Bergsteiger*innen selbst verursacht. Sie haben sich selbst in Gefahr begeben und dies ist natürlich unter allen Umständen zu vermeiden. Falls man doch in Not gerät, ist eine gute Trillerpfeife notwendig. 6-mal pfeifen innerhalb einer Minute, quasi im 10 Sekundenabstand, ist das Signal für Hilfe. Ob es jemand hört, ist allerdings eine andere Sache.

Ein weiteres Problem, das sich ergeben kann, wenn man in den Bergen unterwegs ist, ist Orientierungsverlust und vom Weg abkommen. Um auch unterwegs immer zu wissen, wohin es gehen soll, haben wir gemeinsam gelernt, wie man mit Karte und Kompass umgeht. Nicht so einfach wie man denkt, aber auch nicht zu kompliziert, wenn man erstmal verstanden hat, was die Linien, Symbole und Pfeile auf der Kompassoberfläche eigentlich bedeuten. Ich gebe einen kleinen Tipp. Das „N“ steht für Norden. Aber mehr verrate ich nicht.

Am Donnerstag war es dann so weit. Das Klettern am Fels erwartete uns. Das Gebiet um die Hanauer Hütte herum eignet sich ideal zum Klettern und für jede Schwierigkeitsstufe ist etwas dabei. Einen ausführlichen Gebietsführer zum Klettern gibt es sowohl auf der Hütte als auch in unserer Geschäftsstelle zu erwerben. Am „Goliath“ übten wir erstmal Klettern im Top-Rope zur Eingewöhnung, was für mich persönlich sehr wichtig war. Anschließend Vorstieg. Wir lernten auch Selbstsicherung und eigenständiges Abseilen. Diverse Knotenarten und die Kontrolle des Equipments standen natürlich auch auf dem Programm.

Am Abend, nach einem leckeren Abendessen, sind wir noch mal gemeinsam in die Umgebung gegangen, diesmal mit Kompass und Karte bewaffnet. An einer bestimmten Stelle sollten wir nun anwenden, was wir am Abend zuvor in der Theorie gelernt hatten. Karte ausrichten, Richtung bestimmen und die Umgebung „lesen“ können. Nach dieser Anwendungsübung gingen wir zurück in den Seminarraum, um uns in das Thema Tourenplanung einzuarbeiten. 

Freitagmorgens brachen wir auf zu einer besonderen Tour: Die Besteigung der Kogelseespitze. Es gibt wohl zwei Wege ans Ziel. Einen einfachen. Und einen, wo viel geklettert werden muss und ein ziemlich nerviger, steiler Weg auf relativ lockererem Geröllboden nach oben führt. Ratet mal, welchen wir hochgegangen sind? Ich hätte nie gedacht, dass man starke Gefühle einem Bodenbelag gegenüber entwickeln kann. Hinzu kam leider die Schwäche meiner Schuhe. Mit gescheiten Bergsteigerschuhen wäre es sicher ebenfalls ätzend gewesen, aber vielleicht leichterätzend. Aber je öfter ich Hassgefühle für den Bodenbelag verspürte, desto öfter versuchte ich einfach das Panorama zu genießen. Diese Berge sind einfach wunderschön. Das Wetter war auch einfach fantastisch, blauer Himmel, kein Wölkchen zu sehen und wirklich Spaß gemacht, hat mir der letzte Teil zum Gipfel hoch, wo man sich mit leichter Kletterei im II. Bereich durch den Berg bewegt und den Felsen ganz nah kommt. Diverse blaue Flecken erzählten diese Geschichte noch am nächsten Tag, aber jeder von ihnen war diese Erfahrung wert. 

Und oben auf dem Gipfel angekommen, waren ohnehin die Strapazen vergeben und vergessen. Das Wetter war so gut, dass wir sogar bis hin zur Zugspitze schauen konnten. Dass die Österreicher auch einfach aus einem anderen Holz geschnitzt sind, bewies uns ein junger Mann, der aus seinem Rucksack ein Gipfelbier zauberte. Ich vermute der Isotonen wegen. 

Nach dem Abstieg, der uns noch an schönen Seen, Landschaften und diversen Steinherzen vorbeiführte, konnte wer wollte noch „schnell“ einen Klettersteig machen. „Wer wollte“ war mein Stichwort. Ich wollte auch. Nämlich die Sonne genießen. Aber der harte Kern der Gruppe, hat sich in Rekordzeit durch den Klettersteig geschwungen. Ich vermute wirklich sie sind geschwungen, denn ich hatte die Holunderschorle noch nicht ausgetrunken, da standen sie wieder da. Ein paar müssen sogar unterwegs noch Zeit gehabt haben schnell zu duschen. Jedenfalls waren sie klatschnass. Und leicht gerötet im Gesicht. 

Nach dem Abendessen, einer extrem deftigen Portion Käsespätzle, die nur durch Verdauungsschnäpse zu zähmen war, widmeten wir uns erneut der Tourenplanung, mit dem Ziel, die Zeit einer Strecke auszurechnen, um auf diese Art bestimmen zu können, wie lange eine Tour ungefähr dauert. Wir rechneten also schon mal die Höhenmeter, Kilometer und die Zeit für unsere Tour am nächsten Tag aus. Einmal um die Dremelspitze. Zum Steinsee. Zur Steinseehütte. Zurück zum Steinsee und wieder hoch an der Spitze vorbei. Insgesamt mehr als 1200 HM hoch und wieder runter. Gehzeit von sechs Stunden. Kurz überlegte ich eine Krankheit vorzutäuschen. Migräne? Durchfall? Irgendwas. 

Aber nein, man fährt ja nicht auf die Hanauer Hütte, um im Matratzenlager zu liegen oder auf der Terrasse herumzulungern. Also, Schuhe geschnürt und durch. Außerdem wollte ich unbedingt im Steinsee baden. Ich liebe nichts mehr als nach einer anstrengender Wanderung meine geschwollenen Füße und Glieder in kaltes, klares Bergwasser zu tauchen. Und ich sollte nicht enttäuscht werden. Ich habe mir am Anfang mit dem ersten Stück über Geröll sehr schwer getan. Innerlich geflucht. Vielleicht auch mal äußerlich, aber spätestens als die Kraxelei losging, war ich wieder hellauf begeistert. Nur meine Stöcke hätte ich verstauen sollen, die haben ziemlich hart genervt. Am See angekommen, war dort bereits eine Gruppe illustrer Wanderer, die sich im Adamskostüm in den ziemlich kalten Bergsee stürzten. Für einen Moment überkam mich der Gedanken, ob ich nicht vielleicht doch mit der falschen Gruppe unterwegs war. Aber nein, meine Kameradinnen und Kameraden wollte ich wirklich nicht missen. Am See angekommen, entschieden wir uns aber erst zur Hütte weiterzulaufen und nach dem Hüttenbesuch in den See zu hüpfen. Da Uwe ja rund um die Hanauer Hütte bekannt ist wie ein bunter Hund, stand dann auch gleich ein Schnaps für uns bereit. Diese Österreicher, ich sag ja, ein anderes Holz. 

Nach einem leckeren Mittagessen ging es an den See. Das Wasser war kalt und nur die Herren Bergführer und ich trauten sich ganz kurz ins Wasser. Es war einfach herrlich erfrischend und für mich persönlich sicher einer der Höhepunkte dieser Wanderung. Hätte ich in diesem Moment bereits von dem dicken Gummiseil gewusst, an welchem wir uns nur eine halbe Stunde später durch eine kleine Felsenschlucht nach oben an der Dremelspitze vorbeiziehen mussten, ich wäre einfach im See geblieben und hätte dort meine Tage als Nixe verbracht. 

Der Aufstieg war hart. Er hat auch Spaß gemacht, aber er war hart. Zur „Belohnung“ durften wir dann auf der anderen Seite durch ungesichertes Gelände absteigen bzw. abrutschen. Es kostete etwas Überwindung, aber wenn man den richtigen Rhythmus findet, macht dieses Abrutschen dann doch auch Spaß. Fast wie Skifahren, nur auf Steinen. 

Am Abend, nach den leckersten Tiroler Knödeln der Welt, trafen wir zusammen, um unser letztes Thema zu besprechen. Die Wetterkunde. Woran erkenne ich, wenn sich das Wetter ändern wird? Wie verhalten sich die Tiere und auf welche Wolken muss ich achten? Nützliche Information, die man benötigt, wenn man draußen unterwegs ist. Es kann durchaus unangenehm werden, wenn man plötzlich von Gewitter oder Regen heimgesucht wird und nicht vorbereitet ist. Im schlimmsten Fall: Biwacksack und warten, bis man weitergehen kann. Deswegen ist eine gute Ausrüstung sehr wichtig. Und eine gute Vorbereitung unabdingbar. 

Am Sonntag, unserem letzten Tag, trafen wir uns nach dem Frühstück noch einmal zusammen, um gemeinsam die vergangenen Tage zu besprechen. Alle von uns waren rundum zufrieden. Alle Teilnehmenden sind voll auf ihre Kosten gekommen. Wir haben uns untereinander wirklich gut verstanden und viel gelacht. Unterwegs und auch in den Abendstunden. Und das, obwohl wir wirklich verschiedene Menschen sind, von der Altersgruppe, zum Berufsfeld usw. Aber die Liebe zu den Bergen hat uns tief verbunden, genauso wie eine gute Portion Humor, die Fähigkeit über sich selbst lachen zu können und gegenseitige Rücksichtnahme. Sowohl unterwegs als auch in unserem ziemlich engen Zimmer. Wirklich einfach eine klasse Truppe.

Wir hatten riesiges Glück mit dem Wetter und mit unseren Bergführern, die uns kompetent und rücksichtsvoll durch alle Touren geleitet haben und uns allen viel wertvolle Tipps und Wissen vermittelten. Trotz meiner Flucherrei steht für mich folgendes fest: ich werde nächstes Jahr wieder auf die Hütte fahren, ich werde wieder im Steinsee baden und dieses Mal vielleicht sogar die Dremelspitze erklimmen. Diesmal aber mit mehr Wadenmuskulatur und besseren Schuhen.

Ein besonderer Dank gilt an dieser Stelle Uwe und Axel, ihr wart ganz tolle Seminarleiter. Ihre habt uns super durchs Gelände geleitet, seid auf alle unsere Bedürfnisse eingegangen und in jeder Minute dieses Abenteuers habe ich mich sicher gefühlt.

Ein weiteres dickes Lob und tausend Dank gehen an das gesamte Hanauer Hütten Team, der Küche und vor allem aber an Manuel und Gundi, die uns täglich mit Speisen, Getränken und einer großen Portion Humor versorgt haben. 

Es war wirklich ein Urlaub, den ich nie vergessen werde.

Liebe Grüße auch an Ewald, die Sandras und Peter. Mit euch jeder Zeit wieder.